• Andreas Laue

Telemark - Mehr als nur eine norwegische Region

Aktualisiert: Mai 8




Telemark ist eine Landschaft und ehemalige eigenständige Provinz (Fylke) im südlichen Teil Norwegens. Sie hat eine Gesamtfläche von 15.296 km² mit rund 174.000 Einwohner.

Seit Januar 2020 ist sie mit der Provinz Vestfold zur neuen Fylke Vestfold og Telemark im Zuge einer Verwaltungsreform vereinigt worden.

Geografisch, kulturell und sprachlich ist die Telemark eine äußerst vielfältige Region und bildet einen Übergang zwischen Ostnorwegen, Südnorwegen und Westnorwegen. Sie gilt als „ein Stück Norwegen in Miniatur“. Der bekannteste und höchste Berg der Telemark - Gaustatoppen, 1.883 m hoch - bietet eine der weitesten Aussichten in ganz Norwegen. Bei optimalen Bedingungen kann man bis zu einem Sechstel Norwegens überblicken, was einer Fläche von über 50.000 km² entspricht!

Die Øvre Telemark (zu dt. Obere Telemark) ist traditionell sehr bäuerlich geprägt und besonders für ihre konservativen Dialekte bekannt, die sowohl dem ostnorwegischen bokmål als auch dem westnorwegischen nynorsk nahe stehen.




Von der Wikingerzeit bis heute

In der Telemark existieren heute noch viele alte und große Bauernhöfe, die Lokalbevölkerung pflegt vielfältige Traditionen, die aus der Wikingerepoche über das Mittelalter bis in die heutige Zeit hineinreichen. Speziell in den Bereichen der Volksmusik und Kleidung, dem Kunsthandwerk und der Architektur der Telemark stellen sie eine Besonderheit in ganz Norwegen dar.

In der Øvre Telemark findet man bis heute noch zahlreiche Elemente der altnordischen Kultur und Sprache sowie Kulturdenkmäler aus dem Mittelalter, mehr als in jeder anderen norwegischen Region. Die Stabkirche Heddal, in der Kommune Notodden gelegen, ist ein hervorragendes Beispiel dafür.

Sie wurde in der Zeit um ca. 1240 errichtet und ist die größte Stabkirche Norwegens.


Ist der nördliche und westliche Teil der Telemark sehr gebirgig und ländlich mit vielen Seen geprägt, so befinden sich im Osten und Südosten der Region die drei bedeutenden Wirtschaftsstandorte Notodden, Skien und Porsgrunn mit u.a. chemischer, metallurgischer und elektrotechnischer Industrie, Holz- und Papierproduktion sowie der Porsgrunds Porselænsfabrik AS - Norwegens einziger Porzellanmanufaktur seit 1885, sowie umfangreichen Bildungseinrichtungen.

Das Notodden-Bluesfestival zieht seit 1988 jährlich tausende Besucher aus der ganzen Welt an, im Jahr 2015 sind die fast vollständig erhaltenen Industrieanlagen von Notodden aus dem frühen 20. Jahrhundert mit dem benachbarten Ort Rjukan zusammen in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen worden.

Die Stadt Skien, das Verwaltungszentrum der Fylke Vestfold og Telemark, war der Geburtsort von zwei berühmten Persönlichkeiten Norwegens, dem Dramatiker Henrik Ibsen (1828-1906) und dem Polar-forscher Fredrik H. Johansen, Mitglied der Fram-Expedition unter Fridtjof Nansen (1867-1913).



...auf dem Wasserweg

Außerdem ist Skien bekannt für den berühmten Telemark-Kanal, der hier seinen Anfang nimmt.

Auf einer Länge von 105 km und mit 18 handbetriebenen und original erhaltenen historischen Schleusen ausgestattet, überwindet er einen Höhenunterschied von 72 Metern auf seinem Weg bis nach Dalen, im Westen der Telemark gelegen.

Im Jahr 1892 eingeweiht und noch bis 2006 im unteren Abschnitt zur Flößerei genutzt, ist er Norwegens längstes Kanalsystem. Es verläuft größtenteils über natürliche vorhandene Seen und Flüsse und ist heute ein äußerst beliebtes Touristenziel.

In der Sommersaison verkehren hier neben privaten Sportbooten auch vier historische Linienschiffe. Die M/S Victoria, Baujahr 1882, ist das älteste Schiff der Flotte.



Telemark - Die Wiege des modernen Skisports

Die Natur der Region Telemark, üppig mit Wäldern, Bergen und Seen ausgestattet, bietet sich mit ihren oft schneereichen Wintern zu Skivergnügen unterschiedlichster Art an. Dass war auch schon vor über 150 Jahren nicht anders. Ein kleiner Ort Namens Morgedal und sein wohl berühmtester Sohn Sondre Norheim - ein begnadeter Skifahrer seiner Zeit - sollten bald über Norwegens Grenzen hinaus bekannt werden.

Er entwickelte die erste Seilzug-Skibindung der Welt und gilt als Erfinder der Telemarktechnik.

Mit seinem Ideenreichtum revolutionierte er in den 1850-70er Jahren das Skilaufen in Norwegen. Seine Technik wurde weltbekannt und findet bis heute noch ihre Anwendung.



Sondre Norheim - Der Bauernsohn aus Morgedal

Sondre Norheim, geb. am 10. Juni 1825 in Morgedal, Telemark, gilt als Pionier des modernen Skisports.

Als Sohn einer Bauernfamilie wuchs Sondre Norheim in der norwegischen Region Telemark auf.

Er war einer der besten Abfahrer und Springer seiner Zeit. Er sprang zu dieser Zeit bereits 30,5 Meter weit und tat sich als Organisator von Skiwettbewerben hervor.

Sowohl hinsichtlich seines Könnens, als auch, was den Entwicklungsstand seiner Ausrüstung anging, war er ein Ausnahmetalent seiner Zeit. Er gilt als Erfinder der Seilzug-Skibindung sowie des Telemarkski und der damit einhergehenden Abfahrtstechnik. Das markante Erscheinungsbild des berühmten Telemarkschwungs ist der Ausfallschritt und die Schwungeinleitung, die auf einem Wechselschritt der Beine basiert.

Experimentieren und erste Wettkämpfe

Sondre Norheim experimentierte viel mit unterschiedlichen Skilängen, Skiformen, Schuhen und Bindungsarten, bis er den ersten konkav (tailliert) geformten Ski entwickelte, welcher für ihn das Optimum an Ski darstellte, mit dem im heimischen Terrain am besten und sicher voranzukommen war. Denn der Vorteil und Sinn des Telemarkski bestand für ihn darin, mit ein und demselben Ski Berg ab zu fahren, zu springen und zu laufen.

Mit der neuen Ausrüstung und seinen fast „übernatürlichen Fähigkeiten" zeigte er Ski-Kunststücke, wie die Menschen sie noch nie gesehen hatten. Rund um Sondre entwickelte sich im Morgedal der 1860er Jahre eine Skikultur, die historisch gesehen, legendär geworden ist.

Seine Ski sind heute im Skimuseum Morgedal zu bewundern.





Im Jahr 1866 wurde Norheim nach Høydalsmo eingeladen um am weltweit ersten organisierten Skisprung-Wettbewerb mit Prämierung teilzunehmen. Eigentlich war der Wettbewerb nur für Teilnehmer aus der Lokalbevölkerung gedacht, aber die Leistungen Norheims waren wohlbekannt und er sollte sprichwörtlich "Glanz mit seiner Person über den Wettkampf bringen" Er gewann natürlich nicht ganz unerwartet und bekam als Prämie eine große Wohnzimmeruhr überreicht.



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Der moderne Skisport wurde geboren

In der Hauptstadt Christiania, dem heutigen Oslo, startete er 1868 im Alter von 43 Jahren bei einem großen Skiwettkampf, dem Huseby-Rennen, mit über 50 Teilnehmern. Den etwa 200 km langen Anfahrtsweg absolvierte er zusammen mit zwei Kameraden damals in einem 3-tägigen Marsch selbstverständlich per Ski.

Dieser Wettkampf sollte ein Meilenstein in der noch jungen Skigeschichte und der Durchbruch für Sondre Norheim werden.

Das Rennen bestand aus den Disziplinen Springen, Laufen und das was in Morgedal „slalåm" genannt wurde. Die Einheimischen kannten bisher nur einen gewissen Parallelschwung im Skifahren, hatten aber noch nie die neue Schwung - Technik Norheims, den Telemarkschwung gesehen und waren völlig begeistert davon. Die neuen kurzen Ski mit Taillierung und Fersenbindung waren ein Novum!

Norheim mit seinen 43 Jahren gewann auch dieses Rennen deutlich vor seinen Verfolgern.

Die einheimische Zeitung Aftenbladet schrieb am Tag darauf über Sondre Norheim und seinen Sieg voller Hochachtung und Lob folgendes:

„ Der Gewinner des 1. Preises stand mit seinem Können weit über allen anderen Teilnehmern. Seine Bewegung auf den Skiern hatte etwas so Seltsames, dass man denken musste, dass es für ihn die angeborene und natürlichste Art war, sich zu bewegen. Mit dem Stock, wie ein Spazierstock in einer Hand, machte er einen Sprung, so dass die Ski über 2-3 Skilängen den Boden nicht berührten und nach der Landung war keinerlei Spur von Unsicherheit mit der Balance zu sehen.

Wenn Sie Sondre Ouversen Norheim gesehen haben und sich daran erinnern, dass der Mann jetzt 43 Jahre alt ist, können Sie sich erst recht eine Vorstellung davon machen, was ein Skifahrer ersten Ranges in seiner stärksten Jugendzeit erreichen würde." Das Bewertungskomitee gab die Note „Ausgezeichnet" mit dem Zusatz „Virtuosität im Springen ohne Stock".

Norheim und seine Mitstreiter hatten ein regelrechtes Ski-Fieber entfacht, welches sich schnell im Land verbreitete. Die Leute besorgten sich die neue Skiausrüstung aus der Telemark, Skivereine gründeten sich und das Skilaufen, bis dato größtenteils nur als reines Fortbewegungsmittel genutzt, wurde endlich zum Freizeitsport erkoren. Norheim tüfftelte weiter und stellte verschiedene Skitypen her, schulte Kinder und Erwachsene im Skilaufen, nahm letztmalig im Alter von 50 Jahren an einem Skirennen in der Hauptstadt teil.

Die weltweit erste Skischule wurde 1882 in Christiania von den Brüdern Mikkel og Torjus Hemmestveit aus Morgedal gegründet. Danach gingen die Jungs aus Telemark nach Europa und Amerika und sorgten für Aufsehen mit ihren neuartigen Ski und der neuen Abfahrtstechnik.

Ab ca. 1890 erreichte der Ski-Boom nun auch Mitteleuropa, norwegische Ski wurden importiert, Skiklubs entstanden in D-A-CH, skandinavische Studenten vermittelten die neue Skitechnik, erste Lehrbücher erschienen.

Das Skifahren als Volkssport und Freizeitbetätigung hatte nun endgültig seinen Siegeszug um die Welt angetreten.

Der taillierte, sog. Telemark-Ski, wurde zum Prototyp für alle späteren Ski. Überall auf der Welt, wo Ski hergestellt werden, sei es zum Langlaufen, Springen oder Slalom, werden sie nach dem Vorbild der Ski Sondre Norheims gefertigt.

In der Fachwelt gilt Sondre Norheim bis heute als Vater des Modernen Skisports und wird dementsprechend auch verehrt.




Auswanderung und Renaissance

1884 wanderte Sondre Norheim mit seiner Familie in die Vereinigten Staaten aus, erst nach Minnesota und später nach North Dakota, wo er die letzten Jahre seines Lebens verbrachte. Obwohl dort in der flachen Prärielandschaft an Skilauf kaum zu denken war, soll er der Überlieferung nach immer ein Paar Ski vor seiner Haustür stehen gehabt haben. Er dachte laut Überlieferungen oft an seine alte Heimat in Morgedal zurück und starb wohl als doch recht unglücklicher Mann im Alter von 72 Jahren.


Mit der Entwicklung des alpinen Skilaufs in den 1920/30er Jahren und seiner Verbreitung als Massensport besonders ab den 1950er Jahren geriet die Telemarktechnik zumindest außerhalb Skandinaviens mehr und mehr in Vergessenheit.

In den 1970er Jahren erinnerten sich sog. Skipatrols in Chrestle Butte, Colorado, USA an diese vielseitige Technik und die extrem leichte Ausrüstung, die für ihre Zwecke perfekt geeignet war.

Von da an erlebte die Telemark-Technik weltweit eine Renaissance, die bis heute anhält.




...übrigens

kommen die Begriffe Ski und Slalom aus dem Norwegischen.


  • das Wort Ski - wurde im 19. Jh. dem norwegischen ski entlehnt, was Scheit oder gespaltenes Holz bedeutet, seinerseits stammt es vom altnordischen skíð ab

  • das Wort Slalom - entstammt dem norwegischen slalåm, welches aus ursprünglich zwei Begriffen, sla - kleiner Abhang oder Steigung und låm - Schleppspur, urspr. schmaler Weg, zusammengesetzt wurde

  • das Wort Bakken - (gelegentlich auch im deutschen Sprachgebrauch für Sprungschanze verwendet) entstammt dem norwegischem bakken (Hügel, Berg, Skipiste, Sprungschanze)


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